Versace nach Donatella: Wie Prada die Marke neu ausrichtet
Zwei Modehäuser. Zwei starke Frauen. Ein gemeinsames kulturelles Erbe. Und nun eine der spannendsten Übernahmen der vergangenen Jahre: Die Prada Gruppe übernimmt Versace.
Als Donatella Versace überraschend ihren Rücktritt als Kreativdirektorin verkündete, war zunächst unklar, was hinter dieser Entscheidung steckte. Inzwischen wissen wir, dass dieser Schritt Teil einer größeren strategischen Veränderung war.
Was bedeutet dieser Deal für die Zukunft von Versace und für die italienische Modeindustrie insgesamt?

Donatella Versace tritt zurück und macht Platz für einen neuen Abschnitt
Nach Jahrzehnten an der kreativen Spitze der Marke zieht sich Donatella Versace aus dem Tagesgeschäft zurück. Sie war lange Zeit das kreative Herz des Hauses und bewahrte das Erbe ihres Bruders Gianni Versace, der 1997 ermordet wurde.
Unter ihrer Leitung entstanden einige der ikonischsten Momente der modernen Modegeschichte. Besonders legendär ist das sogenannte Jungle Dress, das Jennifer Lopez im Jahr 2000 bei den Grammy Awards trug. Das enorme Interesse an diesem Kleid führte sogar zur Entstehung der Google Bildersuche.
Auch wenn Donatella sich aus der Rolle der Kreativdirektorin zurückzieht, bleibt sie der Marke weiterhin erhalten. Künftig wird sie als Markenbotschafterin auftreten und Versace international repräsentieren.
Übernahme durch die Prada Gruppe für 1,25 Milliarden Euro
Kurz nach Donatellas Rücktritt wurde der nächste große Schritt bekannt. Die Prada Gruppe übernimmt Versace für rund 1,25 Milliarden Euro.
Interessant ist dabei der Preis. Im Jahr 2018 hatte Capri Holdings, der Mutterkonzern von Michael Kors, Versace noch für etwa 1,8 Milliarden Euro gekauft. Der aktuelle Verkaufspreis liegt also deutlich darunter.
Warum der Preis gesunken ist
Mehrere Faktoren haben zu dieser Bewertung beigetragen.
Zum einen herrschte wirtschaftliche Unsicherheit. Handelskonflikte und schwankende Märkte beeinflussen auch die Luxusbranche.
Zum anderen hatte Versace in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten, sich neu zu positionieren. Trotz großer Markenbekanntheit und regelmäßiger Auftritte auf roten Teppichen blieb die Umsatzentwicklung hinter den Erwartungen zurück.
Die strategische Logik hinter der Übernahme
Prada und Versace stehen stilistisch für zwei sehr unterschiedliche Welten.
Prada steht für Intellektualität, Understatement und klare Linien. Versace hingegen ist bekannt für Glamour, kräftige Farben, auffällige Prints und eine selbstbewusste, oft provokante Ästhetik.
Genau diese Unterschiede machen die Übernahme strategisch interessant. Versace spricht eine andere Zielgruppe an als Prada oder Miu Miu. Dadurch entsteht innerhalb der Gruppe keine direkte Konkurrenz zwischen den Marken.
Für die Prada Gruppe ist Versace also eine Erweiterung ihres Portfolios.
Vergangene Übernahmen der Prada Gruppe
Die Prada Gruppe hat bereits früher versucht, ihr Portfolio durch Übernahmen zu erweitern.
Ende der 1990er Jahre übernahm sie die Marken Jil Sander und Helmut Lang. Beide Deals erwiesen sich jedoch als schwierig.
Bei Jil Sander kam es zu Spannungen zwischen der Designerin und der Konzernstruktur. Sie verließ das Unternehmen mehrfach, was zu Instabilität innerhalb der Marke führte.
Auch bei Helmut Lang entstanden Konflikte zwischen kreativer Ausrichtung und wirtschaftlichen Erwartungen. Der Designer zog sich schließlich zurück und die Marke verlor an Dynamik. Im Jahr 2006 wurde sie wieder verkauft.
Diese Erfahrungen zeigen, dass erfolgreiche Übernahmen in der Modebranche mehr erfordern als eine starke Marke. Kreative Vision, Unternehmenskultur und langfristige Strategie müssen zusammenpassen.
Rückkehr nach Italien
Die Übernahme hat auch eine symbolische Bedeutung. Versace kehrt damit von einem amerikanischen Mutterkonzern zurück in italienische Hände.
In einer Luxusbranche, die stark von französischen Konzernen wie LVMH oder Kering dominiert wird, ist das ein wichtiges Signal. Viele Beobachter sehen darin einen Schritt hin zu einem stärkeren italienischen Luxusverbund.
Die kurze Ära von Dario Vitale
Kurz vor der Übernahme wurde Dario Vitale als neuer Kreativdirektor von Versace vorgestellt. Vitale war zuvor über vierzehn Jahre bei Miu Miu tätig und galt dort als enger Mitarbeiter von Miuccia Prada.
Seine Designhandschrift wird oft als experimentell, verspielt und gleichzeitig raffiniert beschrieben.
Seine erste und einzige Kollektion für Versace wurde im September 2025 präsentiert. Die Frühjahr Sommer Kollektion 2026 erhielt viel Aufmerksamkeit von Kritikern. Vitale kombinierte leuchtende Farben mit aufwendigen Verzierungen und griff gleichzeitig typische Versace Elemente wie Pailletten und glamouröse Details auf.

Die Silhouetten wirkten moderner und lockerer als in früheren Kollektionen, behielten aber den charakteristischen Sexappeal der Marke.
Doch kurz nach der finalen Übernahme durch die Prada Gruppe kam es zu einer überraschenden Wendung. Vitale wurde bereits nach einer einzigen Saison wieder entlassen. Die Gründe wurden nie vollständig öffentlich erklärt.
Viele Branchenbeobachter vermuten, dass sein Verhältnis zur Prada Gruppe nach seinem Abgang nicht mehr gut war. Der Designer verließ das Haus am 4. Dezember, nur einen Tag nachdem die Übernahme von Versace durch die Prada Gruppe endgültig abgeschlossen worden war.
Pieter Mulier wird neuer Kreativdirektor
Im Februar wurde schließlich bekannt gegeben, dass Pieter Mulier die kreative Leitung von Versace übernimmt.
Mulier hatte zuvor großen Erfolg als Kreativdirektor von Alaïa. Dort gelang es ihm, das traditionsreiche Haus neu zu beleben und gleichzeitig die Handschrift von Gründer Azzedine Alaïa zu respektieren. Besonders seine Accessoire Designs und Handtaschen erhielten viel Aufmerksamkeit.
Seine Karriere begann ursprünglich als Praktikant bei Raf Simons im Jahr 2002. Obwohl Mulier Architektur am Institut Saint Luc in Brüssel studiert hatte und keine klassische Designausbildung besaß, entwickelte er sich schnell zu Simons’ wichtigstem Mitarbeiter.
Er arbeitete mit Simons bei verschiedenen Stationen zusammen, darunter Jil Sander, Dior und später Calvin Klein.
Da Raf Simons heute gemeinsam mit Miuccia Prada als Co Creative Director bei Prada arbeitet, vermuten viele Beobachter, dass Mul iers Ernennung bei dem nun zur Prada Gruppe gehörenden Versace auch durch Simons unterstützt worden sein könnte.
Prada übernimmt Versace. Ein Hoffnungsschimmer für die italienische Modeindustrie
Die Übernahme ist mehr als nur ein wirtschaftlicher Deal. Für viele Beobachter steht sie symbolisch für eine mögliche neue Phase der italienischen Modeindustrie.
Während französische Luxuskonzerne weiterhin dominieren, könnte die Zusammenarbeit zwischen Prada und Versace langfristig zu einem stärkeren italienischen Gegengewicht führen.
Ob diese Vision aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist jedoch schon jetzt, dass die Zukunft von Versace unter dem Dach der Prada Gruppe eines der spannendsten Kapitel der aktuellen Modegeschichte werden könnte.