Was nicht gesagt werden kann – Rezension zu David Szalays Booker-Preisträger
Als David Szalays Buch für unseren nächsten Lesezirkel ausgewählt wurde, dachte ich mir: Brauchen wir als Gesellschaft wirklich noch einen Roman über das Leben eines heterosexuellen weißen Mannes? Und dann gewinnt dieser auch noch den Booker Prize.
Auch nach meiner eher durchwachsenen Erfahrung mit Audition von der Booker Longlist war meine Erwartungshaltung: skeptisch.
Und doch wurde ich überrascht.

Worum geht es in Was nicht gesagt werden kann?
Der Roman begleitet István über mehrere Jahrzehnte hinweg, von seiner Kindheit in Ungarn bis hin zu seinem späteren Leben im Westen.
Dabei erzählt Szalay keine klassische, durchgehende Lebensgeschichte. Stattdessen springt der Roman zwischen verschiedenen Lebensabschnitten und zeigt nur die entscheidenden Momente. Vieles bleibt ausgespart, vieles wird nur angedeutet.
Gerade dadurch entsteht ein Tempo, das den Roman erstaunlich zugänglich macht. Trotz seiner über 300 Seiten liest sich das Buch schnell und fast episodisch.
István: Ein passiver Protagonist
István ist kein typischer literarischer Held.
Er ist passiv. Dinge passieren ihm, selten trifft er selbst klare Entscheidungen. Oft reagiert er nur auf das, was um ihn herum geschieht. Ein wiederkehrendes Gefühl beim Lesen ist, dass er alles einfach hinnimmt. „Okay“ scheint seine Grundhaltung zu sein.
Das macht ihn auf den ersten Blick frustrierend. Man wünscht sich als Leser:in mehr Initiative, mehr Widerstand, mehr Persönlichkeit.
Und genau hier liegt eine der Stärken des Romans.
Erzählstil: Distanziert, offen, bewusst zurückhaltend
Szalay erzählt konsequent in der dritten Person. Wir sind nie wirklich in Istváns Kopf, seine Gedanken bleiben oft unzugänglich.
Der Stil ist dabei auffallend nüchtern, fast flach. Es gibt wenig emotionale Ausschmückungen und kaum szenische Beschreibungen. Stattdessen wird vieles kühl beobachtet und sachlich erzählt.
Was zunächst wie eine Schwäche wirkt, entfaltet schnell eine eigene Wirkung.
Der Text zwingt uns nicht, etwas zu fühlen. Er sagt uns nicht, wann etwas tragisch ist oder wann wir Mitgefühl empfinden sollen. Die Interpretation liegt vollständig bei uns.
Diese Offenheit hat mir sehr gefallen. Sie macht den Roman zu einem aktiven Leseerlebnis.
Struktur: Episoden eines Lebens
Der Roman funktioniert fast wie eine Sammlung miteinander verbundener Kurzgeschichten.
Jedes Kapitel steht für sich, erzählt einen Abschnitt aus Istváns Leben und endet oft mit einem Moment, der nachwirkt. Viele dieser Übergänge fühlen sich fast wie Cliffhanger an.
Genau deshalb hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass sich das Buch perfekt als Serie umsetzen ließe. Jede Episode könnte einen Lebensabschnitt erzählen, ohne die Geschichte zu überladen.
Themen: Männlichkeit, Körper und Migration
Ein zentrales Thema des Romans ist Männlichkeit. Nicht laut, nicht plakativ, sondern eher subtil.
István bewegt sich durch verschiedene soziale Kontexte und Beziehungen, ohne wirklich Kontrolle zu haben. Dabei wird immer wieder sichtbar, wie er von anderen wahrgenommen wird, vor allem als Körper.
Sein Aussehen und seine Präsenz haben eine starke Wirkung auf sein Umfeld. Besonders in den früheren Kapiteln wird sein Körper fast wie ein Objekt behandelt. Diese Darstellung kann stellenweise verstörend sein.
Auch Sex zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch den Roman. Teilweise wirken diese Szenen wie ein bewusst eingesetztes Mittel, um Nähe, Macht und Abhängigkeit zu zeigen. Zusätzlich, um die Leser:innen auf Trab zu halten.
Gleichzeitig erzählt das Buch auch eine Migrationsgeschichte. István kommt aus Ungarn und bewegt sich später in westlichen Kontexten. Dieser Aspekt ist überraschend differenziert. Ungarn wird nicht als düsteres Klischee dargestellt. Seine Herkunft steht nicht im Mittelpunkt, sondern fungiert eher als Kontext für die Wahrnehmung der Figur.
Kritik: Wenn die Realität kippt
So sehr mich der Roman über weite Strecken überzeugt hat, gab es Momente, die für mich weniger gut funktioniert haben.
Nach einem zentralen, lebensverändernden Ereignis gegen Ende des Buches wirkt die Geschichte für mich etwas überzogen und teilweise unrealistisch. Ab diesem Punkt verliert sie etwas von ihrer zuvor aufgebauten Glaubwürdigkeit.
Auch zuvor wirken manche Ereignisse eher wie zufällige Wendungen. István scheint oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Trotzdem bleibt der Lesefluss erhalten und man möchte unbedingt wissen, wie die Geschichte endet.

Fazit: Eine eindringliche Charakterstudie
Was nicht gesagt werden kann ist kein klassisch emotionaler Roman, wie zum Beispiel Call Me by Your Name.
Er ist distanziert und oft schwer greifbar. Aber genau darin liegt seine Stärke.
Die Geschichte zwingt uns, genauer hinzusehen. Zwischen den Zeilen zu lesen und uns eine eigene Meinung zu bilden. Uns selbst zu fragen, was wir eigentlich über diese Figur denken.
Ich habe István nie wirklich gemocht. Aber ich konnte nicht aufhören, ihn zu beobachten.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
⭐⭐⭐⭐☆
Leseempfehlung: Ja – besonders für Leser:innen, die ruhige, gut lesbare Charakterstudien und offene Interpretationsräume schätzen.
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