Lázár Rezension: Ist der Hype um Nelio Biedermann gerechtfertigt?
Lázár von Nelio Biedermann ist unumgänglich. In jedem deutschschweizer Buchladen pflastert das markante braun-gelbe Cover mit dem weissen Fohlen die Ladenflächen. Bestsellerlisten, Dua Lipas Newsletter, Instagram-Fotos mit Patti Smith. Nelio Biedermann is the moment. Selbst als ich in New York war, konnte ich ihm nicht entkommen und bin über Interviews mit ihm im New Yorker gestolpert.
Nelio Biedermann hat Lázár gerade einmal mit 22 Jahren geschrieben. Wie kommt ein junger Zürcher zu einem solchen Erfolg? Diese Frage hat mich lange beschäftigt. Wieso wird ausgerechnet dieses Buch so gepusht, erhält einen derartigen Hype und wird im Rekordtempo in über zwanzig Sprachen übersetzt? Das wollte ich für mich selbst herausfinden – daher diese Lázár Rezension.

Worum geht es in Lázár?
Lázár erzählt die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie über drei Generationen hinweg, vom Untergang der Habsburgermonarchie über beide Weltkriege bis zum Ungarischen Volksaufstand von 1956. Parallel zur Familiengeschichte folgen wir dabei immer auch dem politischen Geschehen im Land.
Erzählstil: Zwei Romane in einem
Das Buch fühlt sich fast an, als wäre es zweigeteilt. Das erste Drittel, das die erste Generation begleitet, ist ausgesprochen poetisch erzählt. Genau an dieser Stelle muss ich sagen, dass mich die Sprache unglaublich überzeugt hat. Die Sprache ist poetisch, ruhig und voller atmosphärischer Bilder. Ich habe beim Lesen mehrmals innegehalten, nur um die schönen Beschreibungen auf mich wirken zu lassen.
Die Geschichte hat hier zudem einen leichten Magical-Realism-Touch: der dunkle Wald, der Junge mit der durchscheinenden Haut, der mysteriöse Onkel im blauen Zimmer. Gerade diese Momente haben mich völlig in die Geschichte hineingezogen.
Sobald der Fokus auf die zweite und dritte Generation wechselt, verschwinden diese Elemente fast vollständig.
Die Sprache wird nüchterner, während der Roman sich stärker den historischen Zusammenhängen im Ungarn des 20. Jahrhunderts widmet. Hier wird auch das Thema Zeit wichtiger. Hier wird Biedermanns Inspiration durch Proust deutlich. Etwa im Umgang mit dem Vergehen der Zeit als eigenem Konzept.
Ich fand es spannend, mehr über die ungarische Geschichte zu erfahren, besonders über die Zeit unter den Kommunisten war mir vieles neu. Biedermann schafft es dabei gut, das Vergehen der Zeit mit der Entwicklung seiner Figuren zu verknüpfen.
Sprachlich erreicht dieser Teil für mich jedoch nicht mehr das Niveau des Anfangs. Die poetische Kraft tritt zugunsten historischer Zusammenhänge deutlich in den Hintergrund.
Charaktere: Plot-Funktion oder echtes Leben?
Gerade die erste Generation leidet für mich etwas unter der außergewöhnlich schönen Sprache.
Die Großeltern bleiben vergleichsweise schemenhaft. Sie wirken auf mich weniger wie eigenständige Figuren und mehr wie Werkzeuge, um die Handlung voranzutreiben.
Interessanterweise gelingt Biedermann genau das bei vielen Nebenfiguren deutlich besser. Immer wieder streut er kleine Lebensgeschichten ein, die beinahe wie eigenständige Kurzgeschichten funktionieren. Einige dieser Figuren blieben mir länger im Gedächtnis als manche Hauptfiguren. In der Charakterisierung von Nebenfiguren und atmosphärischen Momentaufnahmen sehe ich seine größte Stärke. Weniger gelingt ihm hingegen, einen großen erzählerischen Bogen konsequent zu tragen.
Themen: Zeit, Geschichte und die Grenzen des Erzählten
Thematisch behandelt Lázár eine beeindruckende Bandbreite an vielschichtigen Themen.
Eines der großen Themen des Romans ist die Zeit, wie sie vergeht und wie unterschiedlich sie von den einzelnen Generationen erlebt wird. Biedermann verwebt die Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert und zeigt, wie diese Ereignisse das Leben seiner Figuren prägen.
Weniger überzeugt hat mich dagegen der Umgang mit Sexualität.
Sexuelle Begegnungen und Fantasien spielen im Roman eine auffallend große Rolle. Teilweise funktioniert das sehr gut und erzählt tatsächlich etwas über Macht, Nähe oder Beziehungen zwischen den Figuren.
Mit der Zeit hatte ich allerdings das Gefühl, dass Sexualität zu häufig als erzählerisches Mittel eingesetzt wird.
Immer wieder dienen sexuelle Fantasien oder körperliche Anziehung dazu, Beziehungen zwischen Figuren anzudeuten. Irgendwann fragte ich mich, ob dies wirklich immer notwendig war oder ob es nicht eine andere Möglichkeit gegeben hätte, emotionale Nähe zu zeigen?
Ähnlich empfand ich den Umgang mit traumatischen Ereignissen.
Der Roman streift mehrfach schwere Erfahrungen wie Krieg, Gewalt oder sexuelle Übergriffe. Die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass sich der Roman ausgesprochen flüssig liest. Jedoch werden diese Ereignisse oft nur angerissen und selten ausführlicher verarbeitet. Häufig hatte ich mir gewünscht, stärker zu sehen, welche langfristigen Folgen diese Erlebnisse tatsächlich für die Figuren haben.
Gerade weil Lázár versucht, die Geschichte mehrerer Generationen auf rund 330 Seiten zu erzählen, bleibt für diese emotionale Vertiefung oft nicht genug Raum.
Fazit: Den Hype (fast) wert
Gerade weil sich das erste Drittel und die restlichen zwei Drittel so deutlich unterscheiden, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Lázár noch nicht ganz weiß, welcher Roman es eigentlich sein möchte.
Es schwebt zwischen Unterhaltungsroman und Literatur. Die magischen und poetischen Elemente des ersten Drittels stehen den geschichtlichen Abschnitten in den beiden anderen gegenüber.
Trotzdem verstehe ich nach der Lektüre deutlich besser, weshalb Nelio Biedermann derzeit so gefeiert wird.
Allein die Sprache des ersten Drittels zeigt enormes Talent. Dazu kommt der Mut, die Geschichte eines Landes über drei Generationen erzählen zu wollen. Dieses Vorhaben gelingt nicht vollständig, scheitert aber keineswegs.
Besonders seine Nebenfiguren und kleinen eingeschobenen Geschichten haben mich beeindruckt. Beim großen erzählerischen Hauptbogen und der Entwicklung seiner zentralen Figuren sehe ich dagegen noch das größte Entwicklungspotenzial.
Ich bleibe sehr gespannt auf seine nächsten Bücher.
Für mich erhält Lázár 3,5 von 5 Sternen.
Vor allem wegen des außergewöhnlich starken ersten Drittels. Es zeigt für mich bereits das Potenzial eines Autors, der irgendwann durchaus einen Fünf-Sterne-Roman schreiben könnte.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ (3,5/5)
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