Warum mich In die Schweiz von Emma Cline überrascht hat
Als ich gesehen habe, dass Emma Clines neuer Roman „In die Schweiz“, im englischen Original Switzy, auf der Longlist des Booker Prize 2026 gelandet ist, war mein Interesse geweckt.
Ich habe mir in den letzten Jahren angewöhnt, aus den jeweiligen Booker-Long- oder Shortlists ein paar Bücher herauszupicken, um am Geschehen mitfiebern zu können. Dass dieser Roman ausgerechnet in der Schweiz spielt, hat den Roman für mich natürlich noch etwas weiter nach oben auf die Leseliste katapultiert.
Emma Cline ist schließlich keine Unbekannte. Mit The Girls und The Guest hat sie sich längst als eine der Stimmen der amerikanischen Gegenwartsliteratur etabliert.
Als ich dann in der Buchhandlung das butterweiche Cover von Switzy in der Hand hielt, wusste ich, dass es mein nächster Read wird.
Ich ahnte jedoch nicht, welche Gefühle dieser Roman in mir auslösen würde.

Worum geht es in „In die Schweiz“?
„In die Schweiz“ von Emma Cline (im Original Switzy) folgt David, einem pensionierten Geschäftsmann, der an Demenz erkrankt ist. Er hat beschlossen, sein Leben mithilfe eines Sterbehilfeprogramms in der Schweiz zu beenden.
Der Roman beginnt mit einem Privatjet-Flug nach London. Zürich ist dabei von Anfang an die Endstation. Bevor David dort ankommt, möchte er allerdings noch einige Zwischenstopps einlegen. Menschen treffen. Angelegenheiten klären. Abschied nehmen – auch wenn das nicht immer so aussieht.
Erzählstil: Emma Cline schreibt sich direkt in Davids Kopf
Während dieser letzten Reise springt der Roman immer wieder zwischen Davids Gegenwart und seiner Vergangenheit hin und her. Alte Beziehungen, seine Familie, seine Karriere und längst vergangene Momente tauchen auf. Die Geschichte bewegt sich zwischen Orten, Zeiten, Erinnerungen und Gedanken. Manchmal auch ziemlich abrupt.
Vieles davon scheint zunächst zusammenhangslos. Erst langsam setzt sich daraus das Bild eines ganzen Lebens zusammen. Eine solche fragmentarische Erzählstruktur gefällt aber nicht jedem. Ich fand sie passend.
Gerade diese langsamen Enthüllungen haben mir an Switzy besonders gut gefallen. Dadurch fühlt sich der Roman an, als würde man direkt in Davids zerstreutem Kopf sitzen.
Thema: Ein Leben in Rückblick
Auch thematisch hüpft das Buch ständig hin und her. Auf eine sarkastische oder fast schon absurde Pointe kann direkt eine ziemlich tiefgründige Überlegung über das Leben folgen.
Das klingt vielleicht anstrengend. Ist es stellenweise auch. Teilweise wurde es mir auch etwas repetitiv.
Cline legt wirklich Wert darauf, dass wir verstehen, dass David Dinge vergisst und sich sein Zustand verschlechtert. Das ist auch gut nachvollziehbar und trägt zur Gesamtwirkung der Geschichte bei. An manchen Stellen war ich allerdings einfach bei: Okay, ich habe verstanden, er vergisst Dinge.
Gleichzeitig haben diese Wiederholungen aber auch einen Zweck. Sie macht Davids Zustand nicht nur zum Thema des Romans, sondern zu einem Teil der Leseerfahrung.
Des Weiteren geht es um die Reflexion auf ein Leben. Auf Davids Leben und darauf, welche Erinnerungen unterschiedliche Menschen später im Leben haften bleiben. Dies gibt Emma Cline sehr schön über die Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitspannen im Buch wieder.
Und plötzlich tut mir dieser Mann leid
Was ich nicht erwartet hatte: Ich habe Empathie für David empfunden.
Dabei ist er nicht unbedingt die sympathischste Figur am Anfang. Er ist ein alter, sehr privilegierter Mann, der ein Leben voller beruflicher Erfolge, Beziehungen, Entscheidungen und Fehler hinter sich hat.
Aber je mehr Cline ihn auseinanderfallen lässt, desto verletzlicher wird er.
Vor allem in den Momenten, in denen David nicht mehr der souveräne Geschäftsmann ist, sondern einfach ein Mann, der versucht, sich selbst und sein Leben zu verstehen, hat mich das Buch emotional erwischt.
Teilweise war ich tatsächlich kurz vor den Tränen.
Besonders bemerkenswert fand ich das, weil Switzy eigentlich ein Buch ist, das sehr leicht in Kitsch hätte abrutschen können.
Ein Roman über einen Menschen, der weiss, dass sein Leben endet. Über Demenz. Über Abschied. Über die Entscheidung, selbst zu bestimmen, wann dieses Leben endet.
Das hätte sehr schnell übertrieben sentimental werden können.
Tut es aber nicht.
Stattdessen entwickelt sich die Geschichte langsam und ziemlich subtil. Viele Dinge werden erst nach und nach klar, ohne dass die Handlung dadurch vorhersehbar wird. Cline vertraut darauf, dass die Puzzleteile selbst zusammenfallen.
Die Schweiz als Schauplatz: Zürich, bist du das?
Dann ist da natürlich noch die Schweiz.
Ich war besonders gespannt darauf, wie Emma Cline Zürich beschreiben würde. Immerhin trägt das Buch im Deutschen den Titel „In die Schweiz“.
Allerdings muss ich sagen: Als jemand, der in Zürich lebt, war ich von diesem Teil des Romans etwas weniger überzeugt.
Die meiste Zeit verbringen wir im Niederdorf. Vieles bleibt dabei ziemlich stark aus der Perspektive eines Touristen beschrieben. Ausserdem habe ich mich an einigen Stellen gefragt, wie viel Zeit Cline wirklich in Zürich verbracht hat.
Da beobachtet David beispielsweise den See aus den cobbled-stone streets heraus – und ich sass da und dachte: Wo genau in Zürich soll das bitte möglich sein?
Vielleicht ist das unfair. Schliesslich muss ein Roman keine topografische Stadtführung sein. Natürlich kann ein Ort aus der Wahrnehmung einer Figur auch ganz anders aussehen als für jemanden, der dort lebt.
Trotzdem hätte ich mir von einem Roman, dessen Titel so prominent auf die Schweiz verweist, etwas mehr wiedererkennbare Schweiz gewünscht.
Denn tatsächlich spielt die Schweiz im Buch gar nicht die grosse Rolle, die man zunächst erwartet.
Trotzdem hat es Spass gemacht, die Orte wiederzuerkennen oder anhand von Clines Beschreibungen zu erraten, wo David sich gerade befindet.
Fazit: Eine überraschend berührende Reise nach Zürich
„In die Schweiz“ von Emma Cline ist ein trauriger, komplexer und teilweise ziemlich eigenartiger Roman über das Ende eines Lebens und die Beziehungen, die wir auf dem Weg dorthin hinterlassen.
Was mir am meisten geblieben ist, ist allerdings nicht die Geschichte über Sterbehilfe. Es ist David.
Cline schafft es, einen Charakter, der auf dem Papier zunächst ziemlich banal und unsympathisch wirkt, überraschend menschlich und verletzlich erscheinen zu lassen. Gleichzeitig ist ihr Schreibstil ungewöhnlich genug, dass sich die Demenz nicht einfach wie ein Thema anfühlt, über das wir lesen. Sie wird zur Form des Romans selbst.
Nicht alles hat für mich funktioniert. Besonders die Schweiz-Darstellung hätte ich mir genauer und weniger touristisch gewünscht. Auch die wiederholten Momente von Davids Vergessen waren mir stellenweise etwas zu viel.
Trotzdem hat mich Switzy emotional erwischt.
Umso überraschter war ich, als Switzy es schließlich nicht auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Ich hatte während des Lesens tatsächlich immer wieder gedacht, dass dieses Buch für mich ziemlich weit oben landen würde.
Ich hatte wegen Emma Cline, dem Booker-Hype und natürlich wegen des Handlungsorts Schweiz angefangen. Am Ende war es ein alter Mann namens David, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging.
Für mich gehört „In die Schweiz“ definitiv zu den stärkeren Veröffentlichungen dieses Jahres. Zudem bin ich ziemlich neugierig darauf, was Emma Cline als Nächstes veröffentlicht.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐⭐☆ (4/5)
Wenn du dir selbst ein Bild von In die Schweiz machen möchtest, findest du den Roman hier in Deutschland, hier in Österreich und hier in der Schweiz.
Weitere Empfehlungen
Wenn du nach „In die Schweiz“ noch mehr Bücher suchst, die sich mit Alter, Erinnerung, Identität oder einem ganzen Leben im Rückblick beschäftigen, würde ich diese drei empfehlen:
- „Die Probe“ von Katie Kitamura – Ein Favorit von mir aus der Booker-Auswahl des letzten Jahres. Ebenfalls ein Buch, das viel über das erzählt, was Menschen voreinander verbergen.
- „Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux – Ernaux blickt auf ihre Jugend zurück und seziert dabei Erinnerung, Identität und die eigene Vergangenheit. Für mich fast so etwas wie das weibliche Nonfiction-Gegenstück zu Switzy. Es war ebenfalls eines meiner Lieblingsbücher aus meinem letzten Lesejahr. Den Artikel dazu findest du hier.
- „Stoner“ von John Williams – Ein Roman über das Leben eines eher unscheinbaren Mannes – und darüber, wie viel Tragik, Einsamkeit und Bedeutung in einem scheinbar gewöhnlichen Leben stecken können.
Hier im Blog findest du außerdem noch weitere Buchrezensionen.
