Kim de l’Horizon kann aus allem Literatur machen. Meine Blutbuch Rezension.
Blutbuch von Kim de l’Horizon war mir schon lange vor der Lektüre begegnet. Das markante blau-rote Cover hatte ich über die Jahre in verschiedenen Zürcher Wohnungen gesichtet. Seit das Buch den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewonnen hatte, war es mir immer wieder aufgefallen.
Trotzdem hatte ich Vorurteile. Ich befürchtete, der Text könnte zu intensiv, zu anspruchsvoll oder schwer verständlich sein. Als ich Blutbuch dann in meinem Brocki des Vertrauens fand, nahm ich es mit. Schließlich handelt es sich auch um eine queere Schweizer Geschichte, die ich als queerer Zürcher irgendwie lesen musste.
Also kam das Buch mit in meine Griechenlandferien. Kein klassischer Beachread, aber definitiv eines, das mich zum Nachdenken brachte. Hier ist also meine ausführliche Blutbuch Rezension.

Worum handelt Blutbuch?
Blutbuch von Kim de l’Horizon verbindet eine persönliche Familiengeschichte mit der Auseinandersetzung mit Herkunft, Erinnerung und Geschlechtsidentität. Im Zentrum steht die Beziehung des erzählenden Ichs zur Mutter und zur Großmutter, deren Erinnerungen und Lebensgeschichten sich mit der Suche nach der eigenen Identität verweben.
Die Blutbuche wird dabei zu einem wichtigen Motiv, über das sich Fragen nach familiären Wurzeln, Körper, Sprache und Zugehörigkeit entfalten. Statt einer geradlinigen Handlung erwartet einen ein experimenteller Roman.
Erzählstil: Ein Roman auf Abwegen
Was mich an Blutbuch besonders beeindruckt hat, war der Sog, den Kim de l’Horizon erzeugt. Ich hatte das Gefühl, in sicheren Händen zu sein, und wollte immer wissen, wohin mich der Text als Nächstes führen würde.
Die Geschichte springt von der Mutter und Grossmutter zur Blutbuche und dann unvermittelt zu expliziten Sexszenen. Diese Übergänge wirken überraschend, aber selten beliebig. Kim spielt mit der Form und stellt dabei auch die Autofiktion infrage.
Besonders mochte ich, wie selbstreflexiv der Roman ist. Kim thematisiert offen, was es bedeutet, die eigene Familiengeschichte literarisch zu verwerten (for fictional clout). Gleichzeitig hinterfragt der Text die eigene Perspektive. Etwa, wenn Kim zunächst auf die Menschen aus dem Balkan in Oerlikon herabblickt und später erkennt, dass hier vielleicht einfach unterschiedliche Statussymbole aufeinandertreffen: für die einen Autos, für die anderen Bildung.
Themen: Familie, Gefühle und Queerness
Ich fragte mich gelegentlich, ob es tatsächlich genug Stoff für einen ganzen Roman gibt. Kim schreibt so überzeugend, dass selbst scheinbar gewöhnliche Beobachtungen interessant werden. Trotzdem fühlte sich gerade der letzte Teil rund um eine Schreibresidenz für mich etwas ereignisarm an. Die Freundschaften waren schön und warmherzig dargestellt, aber ich fragte mich, ob die Geschichte hier noch irgendwo hin wollte oder einfach zu Ende gebracht werden musste.
Auch die Beziehungen zur Mutter und Großmutter fand ich erstaunlich gewöhnlich. Nicht im negativen Sinn: Gerade diese alltäglichen, widersprüchlichen Familienbeziehungen machten den Roman für mich nahbar. Es ist keine überdramatische Familiengeschichte, sondern eine persönliche Auseinandersetzung mit Herkunft, Erinnerungen und dem eigenen Blick auf die Menschen, die uns geprägt haben.
Beim Lesen empfand ich Kim gegenüber der Mutter und Großmutter manchmal als etwas streng. Gleichzeitig zeigt der Roman eine große Sensibilität für unterschiedliche Gefühle und Lebensrealitäten. Er lässt Widersprüche bestehen, statt alles eindeutig aufzulösen.
Besonders gefallen hat mir, wie schweizerisch und gleichzeitig queer sich Blutbuch anfühlt. Die Szenen im Migros-Restaurant mit der Großmutter oder die Auseinandersetzung mit Bildung und sozialem Status wirkten für mich vertraut. Das ist ein Zürich, das von jemandem erzählt wird, der hier lebt – nicht aus einer touristischen Perspektive wie bei Switzy von Emma Cline.
Auch die queeren Erfahrungen fand ich wunderbar dargestellt. Kim setzt sich mit Sexualität und Geschlechtsidentität auseinander, ohne dass diese Themen für mich den gesamten Roman dominieren. Nach den vielen Rezensionen hatte ich erwartet, dass Nicht-Binarität noch stärker im Zentrum stehen würde. Stattdessen ist Queerness Teil einer viel breiteren Geschichte über Familie, Gesellschaft und Identität.
Fazit: Eine Reise, die sich lohnt
Meine Blutbuch Rezension fällt insgesamt positiv aus. Nicht jedes Kapitel hat mich gleich überzeugt, und gerade gegen Ende fehlte mir manchmal ein klarer erzählerischer Bogen. Trotzdem habe ich mich sehr gerne auf die Reise eingelassen.
Kim de l’Horizon schreibt beeindruckend, spielt mit der Form und schafft es, aus persönlichen Erinnerungen und gewöhnlichen Beobachtungen Literatur zu machen. Besonders die selbstreflexive Erzählweise und die schweizerische Perspektive haben mir gefallen.
Ich würde Blutbuch nicht unbedingt als unkomplizierten Ferienroman empfehlen. Lies es für die Reise, die der Text mit dir unternimmt, und für die Gedanken, die du dabei mitnimmst.
Für mich erhält Blutbuch 4,5 von 5 Sternen.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐⭐½ (4,5/5)
Wenn du dir selbst ein Bild von Blutbuch machen möchtest, findest du den Roman hier in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz.
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- Hundesohn von Ozan Zakariya Keskinkılıç – ein queerer Roman, der sich ebenfalls mit Sexualität und verschiedenen Beziehungen beschäftigt. Meine Rezension findest du [hier auf dem Blog].
- Mein Guide zu queeren Romanen – weitere Bücher, die mich bewegt haben, darunter Werke von James Baldwin und Schlechte Gewohnheiten von Alana S. Portero, das sich ebenfalls mit Geschlecht und Identität beschäftigt.
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