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Hundesohn Rezension: Ein Roman zwischen Grindr, Religion und Sehnsucht

Ein Buch über Begehren, Einsamkeit, Herkunft und die Suche nach Nähe in dieser Welt aus Dating-Apps, Erinnerungen und religiösen Prägungen.

Anfangs war ich vor allem wegen des markanten Covers auf die Geschichte gespannt. Doch schnell wurde klar, dass hier vor allem die Sprache im Mittelpunkt steht. Selten hat sich ein Roman für mich gleichzeitig so roh, poetisch und modern angefühlt wie Hundesohn von Ozan Zakariya Keskinkılıç.

Da mich der Text noch lange nach dem Lesen beschäftigt hat, wollte ich meine Gedanken in dieser Hundesohn Rezension niederschreiben.

Hundesohn Rezension

Worum geht es in Hundesohn?

Im Zentrum steht der Ich-Erzähler Zeko, ein schwuler Mann mit türkischen Wurzeln, der in Berlin lebt. Während er sich durch Dating-Apps wie Grindr swipt und flüchtige Begegnungen erlebt, kreisen seine Gedanken immer wieder um Hassan, seine Jugendromanze aus Adana, den er bald wiedersehen wird.

Sprachlich arbeitet der Roman immer wieder mit einer Art Countdown. Variationen von „noch x Tage bis ich Hassan wiedersehe“ tauchen verstreut auf. Fast wie ein Gebet oder Mantra. Diese Wiederholungen verleihen dem Text etwas Beschwörendes und verbinden sich stark mit einem der zentralen Themen des Romans: Religion.

Zwischen den Dates und den expliziten sexuellen Begegnungen kehrt der Text immer wieder zurück zu Erinnerungen an Familie, Herkunft und Jugend. Zeko bewegt sich zwischen Deutschland und der Türkei. Wir lesen über seine muslimische Prägung und seine queere Identität und erfahren seine Sehnsüchte.

Ein Roman zwischen Dating-App-Sprache und Poesie

Beim Lesen des Textes fällt schnell auf, dass Keskinkılıç ursprünglich aus der Poesie kommt.

Hundesohn ist einer dieser Romane, die sich weniger wie eine klassische Geschichte und mehr wie ein emotionaler Gedankenstrom anfühlen. Fragmentarisch erzählt, voller Sehnsucht, Körperlichkeit und poetischer Bilder.

Die kurzen Kapitel lesen sich teilweise wie Gedankenfetzen oder Tagebucheinträge. Keine klassische Geschichte, sondern eher ein emotionaler Gedankenstrom. Für manche Lesende könnte das anstrengend sein. Künstlerisch funktioniert es für mich aber erstaunlich gut. Der Text wirkt dadurch fast wie ein großes Gedicht.

Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise Keskinkılıç die Sprache von Dating-Apps einfängt. Als mehr oder weniger erfolgreiche Nutzer dieser Apps, fand ich das fast erschreckend akkurat. Die kurzen Beschreibungen der Männer, ihre Profile, Vorlieben, HIV-Status oder die Art, wie kommuniziert wird. Mit wenigen Worten versteht man sofort, was für Männer gemeint sind. Ein cleveres erzählerisches Instrument, das Keskinkılıç hier nutzt. Das habe ich so in Literatur bisher kaum gelesen.

Gleichzeitig schafft der Roman starke poetische Bilder:

Hassan, der nach Orangen und Salz riecht.

Oder:

Vor einem Jahr haben wir uns gemeinsam die Leberflecken gezählt.

Solche Motive und Bilder werden gekonnt wiederholt und bleiben hängen.

Auch die expliziten Sexszenen wirken nie billig. Sie sind direkt, manchmal unangenehm und sehr körperlich und explizit beschrieben. Gerade dieser Kontrast zwischen religiösen Gedanken und pornografischer Offenheit verleiht dem Roman eine besondere Spannung.

Die grossen Themen: Begehren, Religion und Zugehörigkeit

Das stärkste Motiv des Romans ist für mich das Begehren.

Die Sehnsucht nach Nähe. Nach Körperlichkeit. Nach Zärtlichkeit. Aber auch die Angst, mit diesem Begehren verletzt oder zurückgewiesen zu werden.

Zeko versucht, sich durch die vielen Dates von seiner Obsession für Hassan abzulenken. Gleichzeitig verstärken diese Begegnungen oft nur seine Einsamkeit. Der Roman zeigt sehr eindrücklich, wie Begehren Menschen gleichzeitig antreiben und zurückhalten kann.

Ein weiteres grosses Thema ist Zugehörigkeit.

Weder in Deutschland noch in der Türkei fühlt sich Zeko vollständig angekommen. Besonders spannend fand ich dabei, wie der Text dies sprachlich reflektiert. Die deutsche und die türkische Sprache stehen immer wieder nebeneinander und machen sichtbar, wie eng Identität mit Sprache verbunden ist.

Auch das Thema Religion zieht sich durch den gesamten Roman. Zeko fühlt sich dem Islam weiterhin verbunden, obwohl seine Sexualität scheinbar im Widerspruch dazu steht. Genau dieser “Konflikt” verleiht Hundesohn viel Tiefe. Keskinkılıç behandelt Religion dabei weder rein kritisch noch romantisierend.

Daneben beschäftigt sich der Roman auch mit Männlichkeit. Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Welche Formen von Härte werden erwartet? Welche Formen von Nähe erlaubt?

Fazit: Lohnt sich Hundesohn?

Für mich definitiv.

Hundesohn Ozan Zakariya Keskinkılıç Rezension

Hundesohn ist ein poetischer, moderner und teilweise radikal ehrlicher Roman über queeres Begehren, Herkunft und Einsamkeit. Keskinkılıç schafft es, poetisch und sentimental zu schreiben, ohne jemals kitschig zu wirken. Ein schmaler Grat, den er beeindruckend sicher beherrscht.

Mit seiner lyrischen Sprache zeichnet er einige unglaublich eindrückliche Bilder. Gleichzeitig ist Hundesohn kein einfacher Roman. Gerade in der Mitte hatte ich teilweise Mühe mit der fragmentarischen Erzählweise.

Das Ende hat mich dafür wieder komplett abgeholt und emotional sehr getroffen.

Eine moderne Liebesgeschichte, die sich stellenweise wie ein grosses Gedicht liest. Ein Roman mit Tiefgang und einer Sprache, die lange nachhallt. Von mir eine klare Leseempfehlung. Für weitere queere Romane, die mich bewegt haben findest du hier den entsprechenden Artikel auf dem Blog. Wenn du mehr queere Romane entdecken möchtest, die mich bewegt haben, findest du hier den Artikel dazu.

⭐⭐⭐⭐⭐ 5/5

 

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  • Call Me by Your Name – André Aciman. Ein queerer Klassiker über Begehren und einen italienischen Sommer voller Sehnsucht. Eine ausführliche Rezension findest du hier ebenfalls im Blog.
  • Hör auf zu lügen – Philippe Besson. Leiser und poetischer Roman über eine queere Jugendliebe im Frankreich der 1980er.
  • Ein schönes Ausländerkind – Toxische Pommes. Weniger poetisch, aber ebenfalls stark in seinen Themen rund um Herkunft und Zugehörigkeit.

Falls du noch weitere Bücherrezensionen wie diese Hundesohn Rezension lesen möchtest, findest du hier auf Berudite weitere Artikel zu Literatur und zeitgenössischen Romanen.

Hundesohn Rezension: Ein Roman zwischen Grindr, Religion und Sehnsucht

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