Was Ivo Andrićs Die Brücke über die Drina uns über Nationalismus erzählt
Es gibt Bücher, die einem immer wieder im Leben über den Weg laufen und die einem auch Jahre später wieder in den Kopf kommen.
Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić gehört für mich definitiv in diese Kategorie.
Vor einigen Jahren war der Roman bereits Gegenstand meiner Maturaarbeit. Damals habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie Andrić Nationalismus in Bosnien darstellt und wie dieser zum Attentat von Sarajevo und entsprechend zum Ersten Weltkrieg führte.
Denn während Nationalismus und die politische extreme Rechte in Europa wieder stärker in den politischen Alltag rücken, liest sich dieser Roman plötzlich wieder erstaunlich gegenwärtig.
Eine im Juni 2026 veröffentlichte Auswertung kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass inzwischen mehr als 23 Prozent der europäischen Wähler:innen bei ihren jeweils letzten nationalen Wahlen für Parteien der extremen Rechten stimmten.
Natürlich ist das Jahr 2026 nicht mit dem Bosnien der Jahre vor 1914 gleichzusetzen. Ebenso wenig der Nationalismus des frühen 20. Jahrhunderts nicht automatisch mit heutiger rechtsextremer Politik gleichzusetzen.
Andrić zeigt in Die Brücke über die Drina nicht einfach, dass Nationalismus entstehen kann. Vielmehr zeigt er, wie sich Identitäten über Generationen verändern, wie politische Konflikte in den Alltag eindringen und wie aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit irgendwann ein Denken in „wir“ und „die anderen“ werden kann.
Und in solchen Zeiten kreisen meine Gedanken wieder um Andrićs Roman und um die Frage, was uns Die Brücke über die Drina heute über Nationalismus erzählen kann.

Worum geht es in Die Brücke über die Drina?
Die Brücke über die Drina erschien 1945 und erzählt die Geschichte der bosnischen Stadt Višegrad über mehrere Jahrhunderte hinweg. Im Mittelpunkt steht dabei die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke, die im 16. Jahrhundert unter osmanischer Herrschaft errichtet wurde und bis zum Ersten Weltkrieg zum zentralen Schauplatz der Stadt bleibt.
Andrić erzählt dabei nicht die Geschichte einer einzelnen Hauptfigur.
Menschen kommen und gehen. Herrscher wechseln. Religionen, politische Systeme und gesellschaftliche Vorstellungen verändern sich.
Die Brücke bleibt.
Die Konstruktion des Romans ist interessant aufgebaut. Die Brücke verbindet die verschiedenen Geschichten miteinander und wird gleichzeitig zum stillen Beobachter all dessen, was in Višegrad passiert.
Andrić bezeichnete das Werk selbst als Chronik. Im Mittelpunkt stehen die gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen einer Stadt und ihrer Bewohner, die über die Brücke miteinander verbunden sind.
Eine Stadt zwischen verschiedenen Welten
Was mich an Die Brücke über die Drina besonders fasziniert, ist die Darstellung Bosniens als Ort, an dem verschiedene Religionen, Kulturen und politische Mächte aufeinandertreffen.
Višegrad ist dabei eine Art Miniatur von Bosnien.
Die Bevölkerung besteht aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Gruppen. Über Jahrhunderte hinweg wechseln die politischen Machtverhältnisse. Erst herrscht das Osmanische Reich, später Österreich-Ungarn.
Dabei verändert sich jedes Mal auch das Leben der Menschen.
Schon früh im Roman werden Spannungen zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen sichtbar. Später kommen politische und kulturelle Konflikte hinzu.
Interessant ist dabei, dass Andrić die Geschichte nicht einfach als Abfolge grosser politischer Ereignisse erzählt.
Wir sehen, was diese Veränderungen mit den Menschen machen.
Neue Strassen werden gebaut. Eine Eisenbahn kommt nach Višegrad. Häuser bekommen Nummern, eine Kaserne entsteht, ein Hotel wird eröffnet. Die Stadt wird moderner. Gleichzeitig verändert sich das soziale Gefüge.
Modernisierung ist dabei nicht automatisch etwas Schlechtes.
Trotzdem verändert sie eine Gesellschaft.
Und genau in diesen Veränderungen beginnt auch eine neue Generation, ihre eigene politische Identität zu entwickeln.
Wie entsteht Nationalismus?
Das ist für mich das spannendste Thema des Buches.
Nationalismus erscheint bei Andrić nicht plötzlich aus dem Nichts.
Er entwickelt sich langsam.
Nach dem Machtwechsel von 1878, als Österreich-Ungarn Bosnien-Herzegowina besetzt, beschreibt Andrić eine Bevölkerung, die erneut unter einer fremden politischen Macht steht. Besonders interessant finde ich dabei, dass nicht nur eine Gruppe Angst empfindet. In Višegrad teilen verschiedene Bevölkerungsgruppen zunächst etwas sehr Grundsätzliches: Unsicherheit.
Denn nationale Identität entsteht nicht nur aus einer gemeinsamen Sprache oder Herkunft.
Sie kann auch aus einem gemeinsamen Gefühl entstehen.
Aus der Erinnerung daran, dass man von anderen regiert wurde. Aus dem Gefühl, dass die eigene Gruppe nicht genügend Kontrolle über die eigene Zukunft besitzt. Aus der Vorstellung, dass ein eigenes Volk auch einen eigenen Staat braucht.
Eine neue Generation junger Männer studiert in Wien, Prag oder Budapest und kehrt mit neuen politischen Ideen nach Višegrad zurück. Auf der Kapija diskutieren sie über Streiks, Unabhängigkeit und einen eigenen Staat. Sie bringen neue Ideen und Ideologien in die Stadt. Eine Sichtweise, die vorher nicht in diesem Ausmass geteilt wurde.
Plötzlich reicht es für die Zusammengehörigkeit nicht mehr, dass sie Bewohner derselben Stadt sind.
Die gefährliche Seite von „Wir“
Eine der gelungensten Szenen des Romans ist für mich die Diskussion zwischen den Studenten Galus und Fehim.
Galus träumt von einem eigenen Staat und davon, dass die Werke der eigenen Nation endlich den eigenen Namen tragen sollen. Fehim betrachtet diese Vorstellungen deutlich skeptischer und warnt vor der Idee, gesellschaftliche Veränderungen gewaltsam erzwingen zu wollen.
Andrić liefert mit dieser Szene nicht einfach eine fertige Antwort.
Er lässt die beiden Positionen aufeinanderprallen. Dadurch wird sichtbar, wie Nationalismus funktionieren kann.
Am Anfang steht vielleicht die berechtigte Frage nach Selbstbestimmung.
Warum sollen andere über uns bestimmen?
Warum sollen wir nicht selbst entscheiden, wie unsere Gesellschaft aussieht?
Das Problem beginnt dort, wo aus dieser Frage eine Hierarchie wird.
Wir sind dann nicht mehr nur eine Gruppe mit gemeinsamer Geschichte.
Wir sind plötzlich besser.
Unsere Kultur ist wertvoller. Unsere Geschichte ist wichtiger. Unsere Leistungen sind grösser. Und alles, was unter einer anderen Herrschaft entstanden ist, wird abgewertet.
Diese Entwicklung beschreibt Andrić in der Rede von Galus sehr deutlich. Für mich ist diese Passage Ausdruck eines zunehmend übersteigerten Nationalismus.
Genau hier bringt mich der Roman auch im Jahr 2026 wieder zum Nachdenken.
Denn die grundlegende Frage existiert weiterhin:
Was passiert, wenn Zugehörigkeit wichtiger wird als das Zusammenleben?
Was uns Die Brücke über die Drina über die extreme Rechte erzählt
Aus meiner Sicht lässt sich Andrićs Roman heute auch gut mit dem aktuellen Wiedererstarken der extremen Rechten verbinden.
Dabei geht es mir nicht darum, Andrićs Nationalismus aus dem frühen 20. Jahrhundert mit der heutigen extremen Rechten gleichzusetzen. Das wäre zu einfach.
Passender finde ich die Parallele bei der Frage, wer eigentlich zu einer Gesellschaft gehört.
Die Brücke über die Drina zeigt, wie aus einer Gesellschaft langsam verschiedene Vorstellungen davon entstehen können, wer eigentlich zu dieser Gesellschaft gehört. Religion, Sprache, Herkunft und gemeinsame Geschichte werden zunehmend politisch aufgeladen.
Der Roman liefert damit natürlich keine Erklärung für die heutige extreme Rechte.
Aber er bietet eine literarische Perspektive auf einen Mechanismus, der auch heute relevant ist: Aus gemeinsamer Identität kann Zusammenhalt entstehen – aber auch Abgrenzung.
Fazit: Ein Buch, zu dem ich zurückkehren werde
Die Brücke über die Drina ist kein leichtes Buch.
Andrić erzählt die Geschichte einer Gesellschaft, die sich über Jahrhunderte verändert. Er zeigt dabei, wie eng Politik, Religion, Erinnerung und persönliche Identität miteinander verbunden sein können.
Als ich meine Maturaarbeit geschrieben habe, wollte ich vor allem verstehen, wie Nationalismus in Bosnien entstanden ist.
Heute interessiert mich stärker: Wann wird aus kultureller Zugehörigkeit politische Identität?
Und wann wird aus einem Wir ein Wir gegen sie?
Menschen erinnern sich an vergangene Ungerechtigkeiten. Sie erzählen Geschichten über ihre Vorfahren. Sie entwickeln Vorstellungen davon, was ihre Gruppe durchgemacht hat. Diese Erinnerungen werden irgendwann Teil der eigenen Identität.
Und Erinnerungen sind mächtig.
Sie können Menschen verbinden.
Aber sie können genauso gut Grenzen schaffen.
Gerade in einer Zeit, in der nationalistische und rechtsextreme Parteien in Europa wieder deutlich an Einfluss gewonnen haben, finde ich diese Fragen relevant.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich ein Roman von 1945 plötzlich wieder so aktuell anfühlt.
Die Brücke über die Drina gibt darauf keine klar sichtbare Antwort.
Aber sie zwingt einen dazu, über diese Fragen nachzudenken.
Falls du dir selbst ein Bild von dem Buch machen möchtest, findest du Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić hier in Deutschland, hier in Österreich und hier in der Schweiz.
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