Cleopatra und Frankenstein Rezension: Ist das schöne Cover auch ein gutes Buch?
Ich weiss, der Hype um Cleopatra und Frankenstein von Coco Mellors ist längst vorbei. Inzwischen ist mit Blue Sisters sogar ihr zweiter Roman erschienen, der ebenfalls wochenlang durchs Internet gereicht wurde.
Nachdem ich in diesem Frühjahr zum ersten Mal in New York war, war ich besonders gespannt auf das Setting des Romans. Gleichzeitig bin ich jemand, der einen gewissen Abstand zu einem Buch-Hype manchmal ganz angenehm findet. So kann ich ein Buch erst einmal für sich selbst entdecken, bevor ich es aufgrund des Hypes beurteile.
Angezogen hat mich das Buch, wie so oft bei mir, zuerst über das Cover. Es ist wirklich eine wunderschöne Illustration der britischen Malerin Gill Butto.
Nachdem ich meinem Bruder einmal gesagt hatte, dass es eines der schönsten Buchcover sei, die ich je gesehen habe, bekam ich das Buch prompt geschenkt. Vorsicht also, was ihr euren Geschwistern rund um euren Geburtstag erzählt.
Danach stand es allerdings ungefähr drei Jahre in meinem Regal. Als ich es nach dem Auspacken kurz aufschlug und ein paar Zeilen las, fand ich sie ehrlich gesagt ziemlich cringe.
Umso erleichterter war ich, als ich das Buch dann tatsächlich gelesen habe und feststellen musste: Es ist überhaupt nicht so cringe.

Worum geht es in Cleopatra und Frankenstein?
Die Geschichte beginnt mit Cleo, einer jungen britischen Künstlerin, die in New York lebt und Frank kennenlernt, einen deutlich älteren Werbemanager. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, obwohl sie sich in völlig unterschiedlichen Lebensphasen befinden.
Aus der zunächst spontanen Begegnung wird eine Ehe. Während Cleo versucht, sich als Künstlerin zurechtzufinden, bringt Frank nicht nur einen erheblichen Altersunterschied, sondern auch seine eigenen Probleme mit in die Beziehung.
Im Laufe des Romans erweitert sich der Fokus immer weiter. Wir lernen Franks ehrgeizige Halbschwester Zoe kennen, Cleos besten Freund Quentin, Franks Geschäftspartner Anders und Eleanor, eine neue Mitarbeiterin in Franks Werbeagentur.
Mellors erzählt dabei nicht nur aus der Perspektive von Cleo und Frank. Immer wieder wechseln wir zu anderen Figuren und bekommen Einblicke in deren Beziehungen, Probleme und Lebensentwürfe.
Und genau hier beginnt für mich gleichzeitig eine der grössten Stärken und eine der grössten Schwächen des Romans.
Erzählstil: Zeig es mir, statt es mir zu erzählen
Coco Mellors kann schreiben. Das ist wahrscheinlich das Erste, was ich nach der Lektüre festhalten möchte.
Besonders die Dialoge haben mir gefallen. Sie wirken natürlich und glaubwürdig, ohne dass jede Figur gleich klingt. Mellors versteht es, Gespräche so zu schreiben, dass tatsächlich zwei Menschen am Streiten, Flirten oder Reden sind.
Auch die Beschreibungen von New York funktionieren hervorragend. Mellors schafft es, Szenen mit wenigen Sätzen lebendig zu machen.
Mein grösster Kritikpunkt an Cleopatra und Frankenstein ist, dass der Roman mir manche Dinge über seine Figuren erzählen möchte, anstatt sie mich tatsächlich erleben zu lassen.
Hier hätte ich mir mehr „Show, don’t tell“ gewünscht.
Struktur: Viele Stimmen, viele Geschichten
Die Struktur des Romans hat mich dagegen nicht immer überzeugt.
Gerade weil der Roman Cleopatra und Frankenstein heisst, hätte ich mir gewünscht, dass die Beziehung zwischen Cleo und Frank noch stärker im Zentrum bleibt. Als plötzlich ganze Kapitel aus den Perspektiven der Nebencharaktere erschienen, war ich verwirrt.
Interessanterweise fand ich ausgerechnet Eleanors Kapitel besonders gelungen. Ihre scharfe, teilweise bissige Perspektive hat für mich eine ganz eigene Energie in den Roman gebracht.
Charaktere: Unliebenswürdig, aber interessant
Seid bereit, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ihr nicht unbedingt mögen werdet.
Cleo und Frank sind keine klassischen Sympathieträger. Auch die meisten Figuren in ihrem Umfeld haben ihre eigenen Probleme, treffen schlechte Entscheidungen und verhalten sich teilweise ziemlich fragwürdig.
Das hat mir grundsätzlich gefallen.
Besonders interessant fand ich, wie Mellors die männlichen Figuren zeichnet. Fast alle sind auf irgendeine Art unangenehm. Gleichzeitig gelingt es ihr erstaunlich gut, deren Denken und Verhalten zu beschreiben.
Auch Quentin fand ich interessant. Ein schwuler bester Freund könnte leicht zu einer stereotypen Nebenfigur werden. Mellors gibt ihm allerdings selbst genügend problematische Seiten, wodurch er wesentlich komplexer wirkt.
Überhaupt ist die Charakterisierung eine der grössten Stärken des Romans. Selbst Nebenfiguren bekommen eine eigene Geschichte und wirken nicht völlig austauschbar.
Das Problem ist eher, dass nicht alle dieser Geschichten für mich notwendig waren.
Fazit: Ein guter Roman, aber kein neuer Klassiker
Ich verstehe inzwischen ziemlich gut, weshalb Cleopatra und Frankenstein so erfolgreich war.
Coco Mellors kann Dialoge schreiben und überzeugende Charaktere erschaffen. Der Roman ist leicht zu lesen, unterhaltsam und an vielen Stellen gut geschrieben.
Gleichzeitig hatte ich mir nach dem Hype etwas mehr erwartet.
Die vielen Perspektivwechsel funktionieren für mich nicht immer. Einige Nebenhandlungen wirken eher wie Umwege, und gegen Ende verliert der Roman etwas an Qualität. Denn einige Handlungsstränge waren für mich vorhersehbar.
Trotzdem bin ich froh, Cleopatra und Frankenstein gelesen zu haben. Gerade als Debüt ist der Roman beeindruckend.
Für mich ist Cleopatra und Frankenstein deshalb ein 4-Sterne-Buch.
Nicht der Roman, der mein Leben verändert hat. Aber definitiv ein guter Begleiter für einen Nachmittag am Strand, im Flugzeug oder irgendwo in New York.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐⭐ (4/5)
Falls du dir selbst ein Bild machen willst: Das Buch gibt es unter anderem hier in Deutschland, hier in Österreich und hier in der Schweiz zu kaufen.
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- Call Me by Your Name – eine queere Romanze über zwei Männer mit grossem Altersunterschied. Meine ausführliche Rezension dazu findest du hier auf dem Blog.
Hast du Cleopatra und Frankenstein gelesen? Was denkst du über den Roman? Schreib es mir gerne in die Kommentare.
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