Mid Year Book Freakout Tag 2026
Der Mid Year Book Freakout Tag ist mittlerweile eine kleine Tradition in der Book-Community. Er gehört zu den beliebtesten Buch-Tags überhaupt und lädt Leser:innen dazu ein, zur Jahresmitte Bilanz über ihr bisheriges Lesejahr zu ziehen.
Entstanden ist der Tag ursprünglich in der Young-Adult- und Fantasy-Bubble. Da ich jedoch fast ausschließlich Literary Fiction lese, wird mein Mid Year Book Freakout Tag 2026 etwas anders aussehen. Eher Familiengeschichten, queere Literatur, James Baldwin und natürlich einige Bücher, über die ich dieses Jahr bereits ausführlich auf dem Blog geschrieben habe.
Lest also, welche Bücher mich in der ersten Jahreshälfte zum Weinen und Lachen gebracht haben, welche mich enttäuscht haben und welcher Charakter mein Dating-Typ wäre.
Los geht’s mit meinem Mid Year Book Freakout Tag 2026.

1. Das beste Buch des ersten Halbjahres
Insgesamt war Hundesohn von Ozan Zakariya Keskinkılıç für mich das bisher stärkste Buch des Jahres.
Zu diesem Roman habe ich bereits eine ausführliche Rezension veröffentlicht. Kurz zusammengefasst erzählt Hundesohn von Begehren, Einsamkeit, Herkunft und der Suche nach Nähe in einer Welt voller Dating-Apps und Erinnerungen.
Im Mittelpunkt steht Zeko, ein schwuler Mann mit türkischen Wurzeln, der in Berlin lebt. Während er sich durch Grindr swipt und flüchtige Begegnungen erlebt, kreisen seine Gedanken immer wieder um Hassan, seine Jugendliebe aus Adana.
Mich hat vor allem die Sprache begeistert. Keskinkılıç schreibt poetisch und sentimental, ohne jemals kitschig zu werden. Ein schmaler Grat, den nur wenige Autor:innen so sicher beherrschen. Außerdem zeichnet er mit seiner lyrischen Sprache einige unglaublich eindrückliche Bilder.
2. Die beste Fortsetzung des ersten Halbjahres
Da ich nur selten Reihen lese, fiel mir diese Antwort leicht: Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani.
Der dritte und abschließende Band der Das Land der Anderen-Trilogie begleitet die jüngste Generation der Familie zwischen Marokko und Frankreich und beschäftigt sich mit Migration, Identität und Privilegien.
Auch wenn ich den Roman etwas schwächer fand als die ersten beiden Bände, bildet er einen gelungenen Abschluss dieser beeindruckenden Familiengeschichte. Wer sich für die Trilogie interessiert, findet auf dem Blog bereits eine ausführliche Rezension aller drei Bücher.
3. Eine Neuerscheinung des ersten Halbjahres, die du noch lesen möchtest
Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher.
Eigentlich steht noch, Wovon wir leben, ungelesen in meinem Regal. Neugierig bin ich dennoch auf ihren neuesten Roman über Neurodiversität und die Frage, ob ein “Wildwuchs im Denken” vielleicht genau das ist, was unsere Gesellschaft braucht.
Auf das Buch aufmerksam wurde ich durch den Literaturclub des Schweizer Fernsehens, wo es sorgfältig durchleuchtet wurde. Seitdem steht es ganz oben auf meiner Wunschliste.
4. Auf welche Neuerscheinung freust du dich im zweiten Halbjahr?
Ganz klar auf Die zweitgrößte Liebe von Ruth-Maria Thomas.
Nach dem Erfolg von Die schönste Version bin ich sehr gespannt, welche Figuren sie diesmal auf den Seiten erwachen lässt.
Der Roman erzählt von Michelle, die Anfang dreißig ihr Leben komplett neu beginnt und sich in einem Hotel in einen Mann verliebt, dessen Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten als ihre eigenen. Schon die Beschreibung verspricht wieder eine Geschichte über Herkunft, Klassenunterschiede und darüber, welchen Preis Freiheit eigentlich hat.
5. Das enttäuschendste Buch des ersten Halbjahres
Der Tod in Venedig von Thomas Mann.
Ich wusste nichts über das Buch, als ich das Secondhand-Exemplar beim Buchshoppen entdeckte. Da ich nach Venedig reiste, schien mir das Buch die perfekte Reiselektüre zu sein. Erst beim Lesen wurde mir klar, dass die Geschichte im Kern von der Obsession eines älteren Mannes für einen minderjährigen Jungen handelt.
Natürlich lässt sich das literaturwissenschaftlich einordnen. Trotzdem hat mich der Roman vor allem verstört.
Sprachlich gibt es wunderschöne Passagen, gleichzeitig empfand ich die Handlung als erstaunlich ereignislos. Das Ende wirkte auf mich überstürzt.
Wahrscheinlich werde ich Thomas Mann irgendwann eine weitere Chance geben. Begeistert hat mich dieser Einstieg allerdings nicht.
6. Das überraschendste Buch des ersten Halbjahres
Was nicht gesagt werden kann von David Szalay.
Auch hierzu gibt es bereits eine ausführliche Rezension auf dem Blog.
Ehrlich gesagt war ich zunächst skeptisch. Brauchen wir wirklich noch einen Roman über das Leben eines heterosexuellen weißen Mannes?
Die Antwort lautet hier: vielleicht doch.
Gerade weil Hauptfigur István emotional so schwer greifbar bleibt, entwickelt der Roman eine ungeheure Sogwirkung. Ich mochte ihn nie wirklich – aber ich konnte auch nie aufhören, ihn zu beobachten.
Das machte Was nicht gesagt werden kann für mich so überraschend. Ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen.
7. Liebste neue Autorin
Claire Keegan. Dazu später mehr. Sie taucht in diesem Tag gleich noch einmal auf.
8. Neuester Fictional Crush
Eigentlich niemand.
Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wahrscheinlich István aus Was nicht gesagt werden kann. Im Roman wird immer wieder auf seine gutaussehenden Züge angespielt, ein gutaussehender Ungar mit ziemlich problematischen Seiten.
Leider genau mein Typ.
9. Ein Buch, das dich zum Weinen gebracht hat
Another Country von James Baldwin.
Der Roman behandelt unter anderem Rassismus, Bisexualität und Beziehungen im New York der 1950er-Jahre.
Bereits im ersten Drittel gibt es ein Ereignis, das mich emotional völlig getroffen hat.
Baldwin besitzt diese seltene Fähigkeit, Szenen sprachlich aufzuladen. Seine Sprache beschreibt nicht nur Gefühle, sie lässt sie selbst erleben.
10. Ein Buch, das dich glücklich gemacht hat
Reichlich spät von Claire Keegan.
Ich habe das Buch gelesen, weil Claire Keegan dieses Jahr beim Zürcher Literaturfestival zu Gast war und ich an ihre Lesung ging.
Die Novelle selbst hat mir bereits unglaublich gut gefallen. Noch schöner war allerdings, Keegan anschließend live über das Schreiben sprechen zu hören.
Sie sprach mit viel Humor und Scharfsinnigkeit über Figuren und Literatur, sodass ich mit einem breiten Grinsen aus der Veranstaltung ging.
Aber auch das Ende von Reichlich spät hat mich glücklich gemacht. Ich habe danach innerlich gefeiert.
11. Das schönste Buch, das dieses Jahr bei dir eingezogen ist
Ich gebe es zu:
Ich beurteile Bücher durchaus nach ihrem Cover.
Coverdesign ist etwas, für das ich mich interessiere. Es ist eine visuelle Sprache, die mich einem Buch bereits vor dem ersten Satz näherbringt.
Dieser Punkt geht daher ebenfalls an Hundesohn.
Schon beim ersten Blick wusste ich ungefähr, welche Geschichte mich erwarten würde. Vielleicht wegen der Adidas-Shorts, vielleicht auch wegen der Farbgestaltung. Das Cover erzählt bereits seine eigene kleine Geschichte.
Ansonsten liebe ich die Penguin-Modern-Classics-Ausgaben mit ihrem babyblauen Buchrücken. Besonders bei James Baldwin. Einige seiner Ausgaben sind mit Kunstwerken von Beauford Delaney gestaltet, seinem engen Freund und Weggefährten.

12. Welche Bücher willst du dieses Jahr unbedingt noch lesen?
Ganz oben stehen momentan drei Bücher.
Cleopatra and Frankenstein von Coco Mellors klingt nach der perfekten Sommerlektüre. Eine Liebesgeschichte in New York zwischen einer jungen Künstlerin und einem deutlich älteren Mann. Nachdem ich dieses Frühjahr zum ersten Mal in New York war, freue ich mich besonders auf das Setting. Auch wenn der Hype um das Buch längst verflogen ist.
Außerdem möchte ich Ein Sommerabend von Cécile Tlili lesen. Ich habe bisher nur Gutes über den Roman gehört und hoffe auf genau die richtige Atmosphäre für einen warmen Sommerabend.
Und schließlich möchte ich meiner kleinen Tradition treu bleiben: Jeden Sommer lese ich mindestens ein Buch von Annie Ernaux. Seit Die Jahre gehört sie zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Ich freue mich schon darauf, wieder in ihre Erinnerungswelt einzutauchen.
Welche Bücher haben dein erstes Lesehalbjahr geprägt?
Das waren meine Antworten auf den Mid Year Book Freakout Tag 2026.
Jetzt interessiert mich natürlich eure Version: Welches Buch war bisher euer Highlight des Jahres? Welche Enttäuschung würdet ihr am liebsten sofort wieder vergessen?
Schreibt es mir gerne in die Kommentare.
Falls euch meine Antworten gefallen haben, findet ihr hier auf dem Blog außerdem viele weitere Buchrezensionen. Sowie meine Lesehighlights vom letzten Jahr.
